Царь Иван IV Грозный и ”дело Шлитте”: Неудачная попытка модернизации России за 150 лет до Петра Великого.
Разработчик темы: Райнхард Фрёчнер
Заказчик: OEI
Ключевые слова: Царь Иван IV Грозный; Древняя Русь; ранее новое время; духовная и культурная история
Das sogenannte „Unternehmen Schlitte", also der letztlich vergebliche Versuch des gleichnamigen Goslarer Kaufmanns sowie seiner zahlreichen Helfer und Nachfolger, auf Initiative Zar Ivans IV. Groznyj zwischen 1548 und 1582 dem Moskauer Reich im großen Stil Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtung zuzuführen, erregte bereits unter den Zeitgenossen des Geschehens großes Aufsehen, weckte dementsprechend sogleich das Interesse der frühneuzeitlichen Geschichtsschreiber und blieb wohl infolgedessen seitdem bis heute immer wieder Gegenstand der historischen Forschung. So wurde der „Fall Hans Schlitte" zu einem der bekanntesten Einzelereignisse in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen der Frühen Neuzeit, dem in den vergangenen rund 150 Jahren zahlreiche Publikationen und auch vereinzelte Quelleneditionen gewidmet wurden und das in keiner einschlägigen Darstellung der Beziehungen zwischen dem Moskauer Reich und dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, der Kulturgeschichte des Moskauer Reiches sowie der Herrschaft Ivans IV. fehlt.
Umso mehr muss es verwundern, dass die zentrale Frage, die sich im Laufe der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema herauskristallisierte, nämlich ob die politischen Angebote des Moskauer Herrschers an Kaiser Karl V. und das Reich, auf die Hans Schlitte im Rahmen seiner Anwerbungsmission verwies, tatsächlich auf Ivan IV. zurückgehen und womöglich zumindest in Teilen sogar ernst gemeint waren oder aber nur der vom Geschäftssinn und Eigennutz beflügelten Phantasie des Anwerbungsbeauftragten entsprangen, noch immer nicht gelöst ist. Den gegensätzlichen Antworten auf diese Frage entsprechen die grundlegend unterschiedlichen Bewertungen der Person des Hans Schlitte und seines „Unternehmens". So wird Hans Schlitte entweder als geschickter Diplomat und Vertrauter des Zaren oder als skrupelloser, betrügerischer Abenteurer und Hochstapler gesehen. Analog dazu gilt das „Unternehmen Schlitte" entweder als zwar am Widerstand Livlands gescheiterter, aber dennoch historisch wichtiger Versuch einer umfassenden Annäherung und Kooperation zwischen dem Moskauer Zartum und dem Reich sowie - daraus folgend - einer politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Öffnung und Modernisierung Russlands eineinhalb Jahrhunderte vor Peter dem Großen oder als historisch irrelevante Episode ohne Bedeutung für ein tieferes Verständnis der politischen und kulturellen Entwicklung des Moskauer Reiches unter Ivan IV.
Diese Gegensätzlichkeit der Forschungsmeinungen wird angesichts der sehr eingeschränkten Quellenbasis, auf der die bisherigen Arbeiten über das „Unternehmen Schlitte" entstanden, verständlich. Die ausgeprägte Streuung allein schon der bereits bekannten relevanten Quellen auf zahlreiche Archive in mehreren Ländern Europas und der Umstand, dass die wenigsten dieser Quellen in gedruckter Form vorliegen, stellen bislang ein wesentliches Hindernis bei der Erforschung des Themas dar. Umfassende Sichtung, Auswertung und idealerweise auch Edition sowohl der schon bekannten als auch der möglicherweise noch in verschiedenen Archiven zu entdeckenden Quellen sind folglich die Voraussetzung für eine erfolgversprechende erneute wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Unternehmen Schlitte", die auch die Lösung der zentralen Frage dieses Forschungsgegenstandes zum Ziel hat.
Erste Schritte auf diesem Weg habe ich mit der systematischen Sichtung und teilweise auch Auswertung des relevanten Archivmaterials im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem, im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien sowie im Archiv der Hansestadt Lübeck bereits getan. Die im Rahmen meiner Forschungen in den genannten Archiven gefundenen Quellen - ein Teil davon galt seit Jahrzehnten als verschollen, ein anderer, weitaus wichtigerer Teil war der Forschung bislang überhaupt unbekannt - legen die durch weitere Archivforschungen allerdings noch zu überprüfende Vermutung nahe, dass Hans Schlitte durchaus im Auftrag Zar Ivans IV. handelte, und zwar nicht nur, als er „im Westen" Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtung für die Dienste im Moskauer Reich anwarb, sondern auch, als er die Positionen Kaiser Karls V. und des Reiches bezüglich des Abschlusses einer gegen das Osmanische Reich gerichteten Allianz, der Union von römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche sowie der Anerkennung des Zarentitels des Moskauer Herrschers durch den römisch-deutschen Kaiser sondierte. Damit hätte es sich beim „Unternehmen Schlitte" tatsächlich um einen von Zar Ivan IV. initiierten, wenn auch letztlich erfolglosen Versuch zur Öffnung und Modernisierung Russlands lange vor Peter dem Großen gehandelt.
Die aus den neu entdeckten Quellen resultierenden Erkenntnisse wurden nicht nur in Vorträgen auf zwei Konferenzen in Moskau präsentiert und zur Diskussion gestellt, sie fanden auch bereits Eingang in die Einführung zur von Anna L. Choroškevič herausgegebenen wissenschaftlichen Neuedition der „Rerum Moscoviticarum Commentarii" des Sigismund von Herberstein, die Ende 2008 in Moskau der Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Außerdem werden sie - zusammen mit einer Erstedition der wichtigsten neuentdeckten Quellen - in dem Aufsatz „Novye istočniki o missii Gansa Šlitte. Ob osobennostjach moskovskoj diplomatičeskoj praktiki v seredine XVI v. v evropejskom kontekste", einem Beitrag zu dem Sammelband „Reprezentacija vlasti v posol'skom ceremoniale i diplomatičeskij dialog v XV - pervoj treti XVII veka. Sbornik statej", der nun endlich im Jahr 2012 in Moskau im Druck erscheinen wird, publiziert.
Weitere Quellenforschungen in den Archiven von Augsburg, Wien, Schleswig, Stettin und Paris sollen schließlich eine Beantwortung der zentralen Frage zum Forschungsgegenstand „Unternehmen Schlitte" auf solider Grundlage ermöglichen.
