Картина войны в Московском царстве при Иване IV. (1547-1584)
Разработчик темы: Райнхард Фрёчнер
Заказчик: OEI
Ключевые слова: Иван IV Грозный; Древняя Русь; ранее новое время; духовная и культурная история
Die Motive und Triebkräfte der Moskauer Führung in ihrer Politik gegenüber den Nachbarn sowie gegenüber tatsächlichen und vermeintlichen Gegnern im Innern während der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts aus den Quellen zu erarbeiten, dies ist das zentrale Ziel dieses Projektes. Vor dem Hintergrund des Epochenwechsels vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit im lateinischen Teil Europas steht auch bei der Untersuchung des Moskauer Kriegsbildes in der Herrschaftszeit Zar Ivans IV. die Frage nach dem Wandel, den dieses erlebte, im Mittelpunkt des Interesses. So soll die Untersuchung des Moskauer Kriegsbildes letztlich auch einen Beitrag zur besseren Bestimmung der ideen- und bewusstseinsgeschichtlichen Rolle des Moskauer Reichs im Europa an der Wende zur Neuzeit leisten.
Die bisherige Beschäftigung mit dem Forschungsgegenstand legt folgende Antworten auf die genannten Fragen nahe: Das Denken im Moskauer Zartum war seit dem Jahr 1492 von christlicher Endzeiterwartung geprägt, vor deren Hintergrund auch die von der orthodoxen Hierarchie und dem Zaren propagierte offizielle Moskauer Kriegsideologie zu sehen ist. Der Krieg des Moskauer Herrschers erhält dabei sakrale Bedeutung: Der Moskauer Zar wirkt bis zur Wiederkehr Christi am Ende der Zeit als Werkzeug Gottes mit seinem Heer als irdische Verkörperung der Himmlischen Heerscharen im kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und seinem Widersacher. Dabei ist die dem Zaren von Gott gestellte Aufgabe die Ausweitung seines orthodoxen Herrschaftsgebietes und die Unterwerfung der „ungläubigen" Nachbarn bzw. die Vernichtung der „Feinde Gottes" im Innern des Reichs. Diese religiös begründete Kriegsideologie richtete sich gegen alle nicht-orthodoxen Nachbarn gleichermaßen. Wenn auch natürlich nüchterne machtpolitische Überlegungen das konkrete politische Vorgehen Ivans IV. im einzelnen Fall bestimmten und große Teile der Moskauer weltlichen Elite diese Kriegsideologie nicht in allen Punkten teilten, findet die aggressive, auf Expansion abzielende Politik Ivans IV. in dieser Kriegsideologie letztlich ihre Begründung und Legitimation. Die offizielle Moskauer Kriegsideologie tritt erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in den Moskauer Quellen auf und stellt somit zweifellos das zentrale Element des Wandels im Kriegsbild des Moskauer Reichs im 16. Jahrhundert dar. Doch der bewusstseinsgeschichtliche Wandel, den das Aufkommen dieser Kriegsideologie darstellt, vollzieht sich ganz in dem vom traditionellen Denken vorgegebenen Rahmen. Die starina, die dem göttlichen Willen entsprechende Tradition, wird als verbindlicher Handlungsmaßstab nicht grundsätzlich in Frage gestellt, vielmehr ändert sich durch die ersten erfolgreichen Expansionskriege die starina von selbst, das Neue wird Teil der Tradition und damit selbst zum verbindlichen Handlungsmaßstab. Der Wandel in der Gegenwart des 16. Jahrhunderts verändert auch den Blick auf die eigene Vergangenheit, verändert das Moskauer Geschichtsbild. Krieg um der orthodoxen Mission willen und territoriale Expansion werden so rückwirkend zu positiven Charakteristika der jahrhundertelangen Herrschaft des Rjurikidengeschlechts in der Rus'. Der Bruch mit der Tradition, den die offizielle Moskauer Kriegsideologie objektiv darstellte, fand für die Zeitgenossen subjektiv somit gar nicht wirklich statt, das politische Denken in der Moskauer Führung blieb weiterhin allein an der Vergangenheit orientiert. Die offizielle Kriegsideologie konnte sich allerdings nicht vollständig gegen die traditionelle Vorstellung durchzusetzen, die nicht historisch legitimierte Eroberungskriege aus Glaubensüberzeugung für nicht zulässig, weil für unvereinbar mit der starina hielt. Zugleich finden sich aber Hinweise für erste Ansätze eines staatliche Expansion nicht aus religiösen, sondern aus Gründen der reinen Staatsräson geradezu fordernden Denkens.
Die bereits im Jahr 2008 erarbeiteten Ergebnisse zur Frage, wie das offizielle Moskauer Kriegsbild an der Peripherie des Zartums rezipiert wurde und wie sich die Erfahrung der Niederlage des Moskauer Reiches im Livländischen Krieg auf dieses Kriegsbild auswirkte, wurden in dem Aufsatz "Recepcija oficial'nogo moskovskogo "obraza vojny" na periferii carstva i ego transformacija vsledstvie porazenija v Livonskoj vojne (na materiale povestvovatel'nych istocnikov iz Pskova konca XVI veka)", einem Beitrag zu dem Sammelband "Baltijskij vopros v konce XV - XVI v. Sbornik statej", der im Jahr 2010 in St. Petersburg im Druck erschienen ist, publiziert. Im Jahr 2011 habe ich begonnen, die über Jahre hinweg aus der Analyse der Quellen und dem Studium der wissenschaftlichen Literaut gewonnen Erkenntnisse systematisch aufzubereiten und mit dem Ziel der Erstellung einer Monographie kapitelweise auszuformulieren.
