Британцы в Санкт-Петербурге и в Москве в 19 веке
Разработчик темы: Юлия Манке
Длительность проекта: 2000-2002
Ключевые слова: Великобритания; Россия; миграция‚ 19 век
Im 19. Jahrhundert stellten die Briten die drittgrößte Ausländergruppe in Russland. Erstmals wurde ihnen im Rahmen eines von der DFG geförderten Projekts des Osteuropas-Instituts München eine umfassende Bestandsaufnahme gewidmet, die sich vor allem auf unveröffentlichte Quellen aus russischen und englischen Archiven stützen konnte. Dabei wurde sozial- und wirtschaftshistorischen Aspekten ebenso Aufmerksamkeit geschenkt wie der Rolle der Kirche und dem Einfluss, den britische Philanthropen in Russland hatten.
Sie gehen „auf Bärenjagd an der Neva, wie sie auf Tigerjagd am Ganges gehen". So charakterisierte ein Zeitgenosse im Jahre 1844 die Briten in Russland. Tatsächlich entwickelte sich der Eindruck, dass die Briten es verstanden, ein von der russischen Umwelt weitgehend unberührtes britisches Leben zu führen, nicht zu Unrecht - sie gründeten eigene Ruder- und Tennisvereine, gingen in ihren Club, importierten englische Jagdhunde und verstiegen sich zum Teil sogar dazu, für den Bau ihrer Sommerhäuser Schiffsladungen englischer Erde zu importieren, damit die Gebäude auf den richtigen Fundamenten stünden. Gerade in St. Petersburg, wo sich die Stadtpaläste britischer Familien, der „Anglijskij Klub" und die anglikanische Kirche entlang dem „Englischen Ufer" reihten, fiel das Abgeschottetsein, das Pflegen der nationalen Eigenart besonders ins Auge.
Doch war dies nur ein Aspekt britischen Lebens im Zarenreich. Tendenziell privilegiert, hatten die Briten unter dem Niedergang des ehemals florierenden Russlandhandels zu leiden. Eine Umstrukturierung der beruflichen und sozialen Zusammensetzung war die Folge. In der zweiten Jahrhunderthälfte ging die Beteiligung der Briten am Handel zurück; stattdessen verstärkte sich ihr Einsatz auf dem industriellen Sektor, wo es großen Bedarf an Fachkräften - Ingenieuren, Managern und Arbeitern - gab. In merkantilen Kreisen der Briten, die beruflich stark auf Großbritannien ausgerichtet waren, kam Assimilation selten vor. In anderen Berufsgruppen war es aber durchaus nicht ungewöhnlich, sich einen Partner außerhalb der eigenen nationalen Gruppe zu suchen, was oft den ersten Schritt in den anderen Kulturkreis bedeutete.
Die Kirchen spielten eine wichtige Rolle im Leben der Briten in Russland. Sie wirkten gemeinschaftsbildend, trugen zur Erhaltung kultureller, religiöser und nationaler Identität bei und unterhielten karitative Projekte. Es zeigte sich aber, wie oft in Kirchengemeinden ausländischer Gruppen, dass die gemeinsame Nationalität kein Garant für ein harmonisches Gemeindeleben war.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts engagierten sich auch Anhänger verschiedener evangelikaler und philanthropischer Gruppierungen aus Großbritannien im Zarenreich. Ihnen kamen die Stimmung religiöser Erneuerung nach dem Triumph über Napoleon und die Protektion Alexanders I. zugute. Die Bibelgesellschaft erlebte einen kometenhaften Aufstieg, und auch die „British and Foreign School Society" und die Gefängnisreformbewegung konnten eine kurze Zeit erfolgreich agieren. Nach Alexanders Tod wurden die meisten dieser Vereine und Organisationen jedoch verboten, die von ihnen initiierten Reformen erschwert oder rückgängig gemacht, ihre Schulen aufgelöst.
Liest man die privaten Aufzeichnungen, hat man überwiegend den Eindruck, dass die Briten gerne in Russland lebten. Zwar verschlechterten sich nach Jahrhunderten freundlicher Beziehungen im 19. Jahrhundert die außenpolitischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland rapide. Dies scheint aber überraschend wenige Auswirkungen auf das Leben der Briten in ihrem Gastland gehabt zu haben. Meist ließ man sie in Ruhe, weil man an ihrer Loyalität nicht zweifelte und in ihnen keine innenpolitische Gefahr sah. Sie hinwiederum genossen die Vorzüge des Lebens in Russland - größere gesellschaftliche Freiheiten, berufliche Aufstiegschancen, niedrige Lebenshaltungskosten - ohne als Ausländer von dessen Schattenseiten allzu sehr betroffen zu sein.
Erster Weltkrieg und Revolution bedeuteten das Ende britischen Lebens in Russland. Fast alle nichtassimilierten Briten verließen unter großen finanziellen Verlusten das Land. Verschiedene private und staatliche Initiativen kümmerten sich um ihre Evakuierung und Repatriierung; aber Britischer Besitz wurde enteignet, die Kirchen geschlossen.
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts dürfen die alten Straßennamen wieder an britisches Leben in St, Petersburg erinnern, wird St. Andrew in Moskau wieder als anglikanische Kirche statt als Tonstudio genutzt. Die stattlichen Paläste entlang dem Englischen Ufer, der imposante neugotische Kirchenbau vermitteln noch heute einen Eindruck von Größe, Reichtum und Macht der britischen Gruppe in Russland.
Veröffentlichung:
MAHNKE-DEVLIN, Julia: Britische Migration nach Russland im 19. Jahrhundert. Integration - Kultur - Alltagsleben. Wiesbaden: Harrassowitz-Verlag, 2005. - 297 S. - (Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München: Reihe Geschichte / Herausgeber: Martin Schulze Wessel und Hermann Beyer-Thoma ; Band 69). - ISBN 3-447-05222-8. - 68,00 -
