Department of History - Projects

Russia and the German reunification
Editor: Hermann Beyer-Thoma
Ordering party: Hanns-Seidel Foundation
Period: 2001-2002
Keywords: Germany, Russia, foreign policy, German reunification, 18th century, 19th century

The following text is available in German only

Die deutschen Länder, insbesondere Preußen und Österreich, gewannen im 18. Jh. für Russland eine immer größere außenpolitische Bedeutung. Russland benötigte Verbündete für seine Expansions- und Hegemonalpolitik gegen das schwache Polen-Litauen und gegen das Osmanische Reich und wollte gleichzeitig die Entstehung eines machtvollen Konkurrenten jenseits dieser Einflusszone vermeiden. Um das Gleichgewicht zwischen den beiden deutschen Hegemonialmächten zu bewahren, richtete Kaiserin Katharina II. (1762-1796) ihr Augenmerk verstärkt auch auf die kleineren Reichsfürsten. Mit der aus dem Friedensvertrag von Teschen 1780 abgeleiteten Rolle als Mitgarant der Reichsverfassung erhielt Russland ein rechtliches - in seiner vertraglichen Absicherung allerdings umstrittenes - Instrument zur Interessensicherung in Deutschland. Russland war daher zu Beginn der napoleonischen Kriege stets daran interessiert, den Reichsverband aufrecht zu erhalten und die territorialen Verschiebungen innerhalb des Reiches möglichst gering zu halten. Bis zum Wiener Kongress blieb davon das Bestreben, bei der Neuordnung Deutschlands ein entscheidendes Wort mitzureden. Die Interessenlage verschob sich dabei insofern, als Russland bei Ende der Kriegshandlungen vor allem an einem relativ starken und handlungsfähigen Deutschen Bund interessiert war, der eine erneute Expansion Frankreichs nach Osten verhindern könne. Dabei nahm Russland auf seinen Verbündeten Österreich besondere Rücksicht und billigte diesem eine Hegemonialrolle in Deutschland zu.
In den nachfolgenden Jahrzehnten hielt Russland am längsten von allen Großmächten am System der kollektiven Sicherheit, wie es auf dem Wiener Kongress geschaffen worden war, fest. Aus diesem Grund, ferner um die Entstehung einer Großmacht an seiner Westgrenze zu verhindern und aus Legitimitätsgründen widersetzte es sich einer deutschen Einigung, für die vor allem seit der Revolution von 1848 in Deutschland von verschiedener Seite immer wieder neue Pläne und Konzepte vorgelegt wurden.
Dass Russland 1870/71 die Schaffung des Deutschen Kaiserreiches schließlich doch hinnahm, war einerseits Folge seiner Schwäche nach dem verlorenen Krimkrieg und seiner Revisionsbestrebungen, für deren Durchsetzung es Verbündete brauchte, und andererseits Ergebnis der geschickte Politik Bismarcks, der Russland seit 1866 gegen das zunehmend als Konkurrent auf dem Balkan empfundene Österreich geschickt an sich gebunden hatte.

Veröffentlichung:
BEYER-THOMA, Hermann, Russland und die Einheit Deutschlands bis zur Reichsgründung, in: Russland: Kontinuität, Konflikt und Wandel / Reinhard C. Meier-Walser ; Bernhard Rill (Hrsg.). - München: Hanns-Seidel-Stiftung, 2002. - S. 97-105. - Sonderausgabe Politische Studien.