Osteuropa-Institut - Projekte des Arbeitsbereichs Geschichte
Die Wechselwirkungen der (groß)russischen und der ukrainischen panslawistischen Bewegung im Spiegel der deutschen Publizistik und Wissenschaft 1856-1888
Antragstellerin: PD Dr. Katrin Boeckh, Osteuropa-Institut Regensburg
Bearbeiter: Dr. habil. Oleksii Kuraiev (M. S. Hruševs'kyj-Institut für ukrainische Archäographie und Quellenkunde, Kiev)
Förderung: DFG
Dauer: Oktober-Dezember 2011
Das Projekt hat sich vorgenommen, die Entwicklung des Interesses an der Ukraine im Deutschland des 19. Jahrhunderts untersuchen. Bedeutsam ist dabei der Aspekt der ukrainischen Ausprägung des Panslawismus im späten 19. Jahrhundert: Diese unter den Slawen der Donaumonarchie im frühen 19. Jahrhundert entstandene Bewegung bekam nach der Niederlage Russlands im Krimkrieg (1854-1856) wachsende Unterstützung seitens der einflussreichen regierungsnahen Kreise des Zarenreiches. Das Ziel dieser Unterstützung war es, die Loyalität vor allem der Tschechen, Serben und Ruthenen gegenüber den regierenden Habsburgern zu schwächen, sie zum Instrument der innenpolitischen Destabilisierung zu machen und damit der Politik Sankt Petersburgs in Zentraleuropa und auf dem Balkan Vorteile zu schaffen. Als Instrument für diese Tätigkeit versuchten einflussreiche zarische Kreise die (groß)russische nationalpatriotische Bewegung einzusetzen, welche durch panslawistische Parolen vor den Slawen in Böhmen, Galizien und auf dem Balkan das Zarenreich als politisches Zentrum des gesamten Slawentums präsentieren sollte. Petersburger Panslawisten haben schon in den 1860er Jahren nicht ohne Erfolg Versuche unternommen, selbst deutsche Periodika für eine kurze Zeit zur propagandistischen panslawistischen Tribüne zu machen.
In der Geschichtsschreibung wurden bisher überwiegend die inneren Aspekte der Entwicklung der ukrainischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts behandelt; die internationalen Auswirkungen dieser Bewegung sowie ihre Wechselwirkungen mit anderen slawischen Bewegungen blieben überwiegend marginal. Vorarbeiten zum Projekt haben jedoch gezeigt, dass sich in deutschen Archiven und Bibliotheken unbeachtete Quellengruppen zur Entwicklung des ukrainischen Panslawismus befinden, vor allem deutsche panslawistische Periodika, deutsche liberale Presseberichte und deutsche diplomatische Dokumente über die ukrainische Nationalbewegung. Diese bisher zumindest im Kontext der Ukrainekunde unbearbeiteten Materialien deuten auf eine bisher praktisch unerforschte Erscheinung hin, nämlich dass nämlich wissenschaftliche und publizistische Diskussionen zwischen den russischen und ukrainischen Panslawisten in den 1860er bis 1880er Jahren in Deutschland nicht selten unter Vermittlung deutscher Fachkollegen geführt wurden. Unter anderem diese stehen im Mittelpunkt des Projekts.
