Osteuropa-Institut - Projekte des Arbeitsbereichs Geschichte

Der Panslawismus als Diskussionsthema der deutschen Wissenschaft und Publizistik 1830-1856: die ukrainische Dimension

Leitung: PD Dr. Katrin Boeckh
Bearbeiter: Dr. habil. Oleksii Kuraiev, Kiev
Förderung: DFG
Dauer: Juli-Oktober 2009 (3 Monate)

In der Geschichtsschreibung über die Entwicklung von panslawistischen Bewegungen in Südost-, Ostmittel- und Osteuropa in der ersten Hälfte des 19. Jh. wurde der ukrainischen Aspekt entweder nur am Rande der Forschung behandelt oder auf die Beleuchtung der Tätigkeit der Kyrill- und Method-Bruderschaft in Kiew 1846-1847 beschränkt. Dabei wies man mit Recht darauf hin, dass diese Organisation von den zaristischen Behörden wegen des Verdachts eines „kleinrussischen" Separatismus durch Polizeiverfolgungen vernichtet wurde. Dieses historische Beispiel sollte auch erklären, warum die national-kulturellen Bewegungen der ukrainischen Intellektuellen im Ausland praktisch unbekannt blieben. Tiefere Literatur- und Quellenforschungen zeigten aber, dass in Deutschland die Ukrainer („Kleinrussen, "Ruthenen") von Vertretern der süd- und westslawischen panslawistischen Bewegungen im Zeitrahmen 1831-1856 als durchaus wichtiges Mitglied der slawischen Familie betrachtet wurden. Dabei schufen Vertreter der Slawen Deutschlands (die Lausitzer Sorben P. Jordan und J. Schmaler) deutschsprachige publizistische Organe, die das nationalpolitischen Leben der „russischen" und „österreichischen" Ukrainer 1843-1856 verfolgten und zur Bühne für einige führende ukrainische Intellektuellen wurden.
Das vorliegende Projekt will dies und weiteres in einen neuen historiographischen Zusammenhang stellen und weitere in bisherigen Forschungen unbeachtete Umstände miteinbeziehen. Zu diesen gehört, dass bekannter deutscher Publizist zur panslawistischen Problematik, Anton Mauritius, den „ukrainischen" Kontext nicht nur in seinen Broschüren zur Bedeutung der panslawistischen Bewegungen für die deutsche Politik behandelte, sondern auch eine Gedichtsammlung Ukrainische Lieder (Berlin 1841) herausgab, in der unter anderem zur Versöhnung der Polen und Ukrainer aufgerufen wurde. Die Behandlung von deutscher Publizistik und kulturwissenschaftlichen Publikationen zur panslawistischen Thematik soll durch die Bearbeitung von zeitgenössischen deutschen (v.a. preußischen) diplomatischen Archivquellen ergänzt werden.