Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts Regensburg:
Reihe Forschungen zum Ostseeraum
Band/Vol.2 STEFAN TROEBST Handelskontrolle - Derivation - Eindämmung: Schwedische Moskaupolitik 1617-1661. - 1997. 649 S. DM 198,00 - ISBN 3-447-03880-2
Die auf eine Habilitationsschrift am Fachbereich Geschichte der Freien Universität Berlin zurückgehende Monographie behandelt den Aufstieg des ressourcenarmen, dünn bevölkerten und peripheren Königreichs Schweden zu einer europäischen Großmacht der frühen Neuzeit - ein Thema, das die internationale Geschichtswissenschaft seit über einem Jahrhundert beschäftigt. Erstmals wird hier die Rolle des Moskauer Zartums als einem von mehreren Gegenlagern schwedisch-imperialer Expansionspolitik anhand der Stockholmer Primärquellen systematisch untersucht.
Die aufstrebende Ostseevormacht der Vasa-Könige war mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bemüht, die beiden Seewege zum russischen Markt - die Ostsee-Baltikum-Route und die Nordroute über Nordsee, Nordkap und Weißes Meer - unter ihre Kontrolle zu bekommen. Zugleich suchte Schweden ein Festsetzen Moskaus am Finnischen Meerbusen zu verhindern. Ziele dabei waren die Eindämmung des Zarenreiches, um den eigenen Machtbereich zu einem die Küsten der Ostsee lückenlos umspannenden Zollimperium auszuweiten, zum anderen die fiskalische Abschöpfung des Ost-West-Handels, um dergestalt die eigene naturbedingte Ressourcenarmut auszugleichen. In Form von handelsrechtlich-merkantilen Lockmitteln hofften König und Reichsrat, den über das Weißmeeremporium Archangel’sk geführten Hauptstrom von russischem Außenhandel und persischem Transithandel in die schwedischen Häfen am Finnischen Meerbusen zu lenken. Dieses Projekt einer Umleitung bzw. - so der Quellenterminus: - „Derivation“ des Ost-West-Handels war vom moskauisch-schwedischen Friedensschluss von Stolbovo 1617 an handelspolitischer Kern Stockholmer Moskaupolitik.
Der Stolbovofriede bot dafür in der Tat günstige Voraussetzungen: Der Zar hatte das Ostende des Finnischen Meerbusens einschließlich der karelischen Landenge und der Neva-Mündung abtreten müssen, so dass ihm der Zugang zur Ostsee versperrt, er folglich auf Archangel’sk am Weißen Meer zurückgeworfen war. Zugleich erhielten schwedische Untertanen weitreichende Handelsprivilegien innerhalb des Moskauer Staates. In Kombination mit handelsrechtlichen Reformen in den schwedischen Provinzen Ingermanland, Estland und Livland konnten diese Vorrechte von den vierziger Jahren an dazu genutzt werden, die russische Ausfuhr über die Ostseeroute deutlich zu steigern. Darüber hinaus waren die strategischen Vorteile der von 1617 an erworbenen baltischen Besitzungen Schwedens Hauptgrund für die erfolgreiche Abwehr des moskauischen Versuchs eines Durchbruchs an die Ostsee in den Jahren 1656 bis 1658. Der neuerliche Friedensschluss zwischen König und Zar von Kardis 1661 bekräftigte die Stolbovo-Regelung und dämmte den Expansionsdrang Moskaus auf weitere vier Jahrzehnte ein. Zugleich wirkten sich nach Kardis die handelspolitischen Reformen in Schwedens transbaltischen Reichsteilen in einer weiteren, diesmal ganz erheblichen Steigerung des Aufkommens russischer und persischer Waren in den schwedischen Ostseehäfen Riga, Reval, Narva und Nyen im Neva-Delta aus.
Nicht zufällig wählte Peter I. nach erfolgreichem Durchbrechen der baltischen Vormauer Schwedens die schwedische Handelssiedlung Nyen als Ort für seine Hauptstadtneugründung Sankt Petersburg, wie er überhaupt die Stockholmer Politik einer Umleitung des russischen Außen- und Transithandels vom Weißen Meer in die Ostsee übernahm. Die Petersburger, Revaler und Rigaer Handelsstatistiken des 18. Jahrhundert sind ein später Beleg dafür, dass das so beharrlich verfolgte schwedische „Derivationsprogramm“ des 17. Jahrhunderts auf einer realistischen Annahme basierte.
Inhalt
Einleitung
Erster Teil: Von Stolbovo nach Stuhmsdorf: Handelskontrollpolitik im Krieg 1617-1635/41
Zweiter Teil: Reformen - Resultate – „Ruptur“: Die Handelskontrollpolitik der Oxenstiernas 1642-1654/56
Dritter Teil: Militäraktionismus und handelsimperiale Ziele: Schweden im zweiten Nordischen Krieg 1654/56-1660
Vierter Teil: Status quo ante bellum: Der Friedensschluss von Kardis 1661
Schluss: Rückblick auf die Realität: Ost-West-Handelskonjunktur und schwedische „Derivationspolitik“ in der Mitte des 17. Jahrhunderts
Der Autor
Stefan Troebst (1955) ist Privatdozent für Ost- und Südosteuropäische sowie Neuere Geschichte am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Freien Universität Berlin und Direktor des dänisch-deutschen „European Centre for Minority Issues“ (ECMI) in Flensburg.
Auszüge aus Rezensionen
“Stefan Troebsts in vieler Hinsicht 'überwältigende' Studie zur Geschichte der schwedischen Ostseegroßmacht und zu deren - für sie konstitutiven - Russlandpolitik beruht in erster Linie, wenn auch nicht ausschließlich, auf der fast erschöpfenden Ausbeute schwedischer Archive. Dennoch leistet diese Arbeit aus vornehmlich schwedischem Quellenmaterial einen genuinen Beitrag auch zur Geschichte Osteuropas. Denn ihren Ausgangspunkt gewinnt sie aus einer präzisen Erörterung der riesigen internationalen Forschungsdebatte über die Bedeutung des Moskauer Staates und des russischen Markte für die Herausbildung der mächtepolitischen sowie der handelspolitischen Strukturen des frühneuzeitlichen Osteuropa. [...] Das Buch Stefan Troebsts bereichert ohne Zweifel unsere Einsichten in die konstitutive Funktion der Russlandpolitik für die Geschichte der schwedischen Großmacht. Diese ist an ihrem Unvermögen gescheitert, handelsstaatliche Strukturen auszubilden. Durch Troebsts Studien wissen wir jetzt viel genauer, dass diesem Unvermögen auch ein Mangel an Handelsmentalität zugrunde lag. Die Anforderungen an eine solche waren in der merkantilen Entwicklungsdynamik des Zeitalters doch größer als die Handelsbürokratie des Ostseereiches in ihrer neuerdings so hoch gepriesenen Modernität es zur Kenntnis zu nehmen vermochte. Stefan Troebst präsentiert sich in seinen Studien und ihren Ergebnissen als ein ebenso gewissenhafter wie leidenschaftlicher, arbeitsintensiver wie gedankenreicher Forscher.“
Klaus Zernack: „Dominium mercaturae Ruthenicae“. Neues über Schwedens Ostseevormacht im 17. Jahrhundert. In: Festschrift für Matti Klinge zum 60. Geburtstag. Helsinki 1996.
